Claudia’s Sahara-Tagebuch 2007

Claudia Gerling hat dieses Jahr bereits zum zweiten Mal den Sahara-Wüstenlauf erfolgreich absolviert – sie wurde 3. der Frauen. Ihre Erfahrungen und Eindrücke lesen Sie hier.

Tag 1

Endlich, nach langer und intensiver Vorbereitung geht es los! Von Frankfurt aus mache ich mich auf dem Weg nach Rom, um dort zur Reisegruppe „Wüste“ zu stoßen. Vorher treffe ich mich mit dem anderen deutschen Teilnehmer Ralf am Flughafen, denn: Gemeinsam sind wir stark!

Wir verbringen die Wartezeit mit Fachsimpelei über das Laufen, Prognosen über den Rennverlauf, üblicher Tiefstapelei und gemeinsamen Lampenfieber. Ruck zuck sind wir in Rom und nehmen unsere Tickets in Empfang.

Was für ein Anblick: 100 Leute in kaki-farbenem Sahara-Outfit mit Laufschuhen… Wir haben das komplette Flugzeug für uns. Ich treffe alte Freunde, lerne neue kennen, die Zeit vergeht wie im Flug. In Djerba angekommen, geht’s mit Bussen in unser Hotel, dort verbringen wir die letzte Nacht in richtigen Betten und können noch mal den Luxus von Duschen, WC und elektrischem Licht genießen.

Die Stimmung ist super, viele Läufer aus unterschiedlichen Nationen sind hier und alle sind sehr aufgeregt. Ich teile mein Zimmer mit Maria aus Mexico, die als Walkerin dabei ist.

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Tag 2

Zum Beine ausschütteln dreh ich eine kleine Joggingrunde am Strand entlang, bei blauem Himmel und Sonne pur, ganz schön warm! Nach dem Frühstück starten wir unseren Trip in die Wüste.

Keine Hektik, alles ganz gemütlich, es dauert eben etwas länger, bis das Gepäck von 100 aufgeregten Sandläufern verstaut ist. Irgendwann geht es dann aber los und nach ca. 2 Stunden Fahrzeit gibt es vor spektakulärer Kulisse die offizielle Begrüßung und Präsentation des Rennens.

Gleichzeitig ist das die erste Gelegenheit Wüstenluft zu schnuppern und Fotos zu machen. Nach einer unterhaltsamen Stunde geht es weiter in unser erstes Lager nach Chenini. Grandiose Gegend, über 40 Grad im Schatten und eine Treppe mit ca. 200 Stufen… Was will man mehr?

Es kommt nie wirklich Langeweile auf: Zelte beziehen, Mittagessen, gemeinsamer Verdauungs-Spaziergang, technische Kontrolle, Stretching, Abendessen, Treppen hoch, Treppen runter, Treppen hoch, Treppen runter…

Die erste Nacht in der Wüste steht an… Wir sprechen Englisch bei uns im Zelt, denn Gustavo und Mauricio kommen aus Südamerika, Sharon aus den USA und Tiziano aus Italien. Zwar verstehe ich nicht alles, es ist aber super lustig. Hat eigentlich irgend jemand geschlafen??

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Tag 3

Nach einem sensationellen Sonnenaufgang gibt’s Frühstück und dann heißt es Sachen packen, Trinkrucksack richten, Startnummer anbringen und eincremen! Bald dürfen wir laufen. Alle trippeln schon ganz nervös hin und her…

Die erste Etappe: 22km, mindestens 40 Grad, 500 Höhenmeter. Die Wüste ist alles andere als flach! Zwar ist es sehr heiß und anstrengend, aber ich hab wohl richtig trainiert. Es läuft super. Einen Teil der Strecke laufe ich sogar zusammen mit Sharon, der zukünftigen Siegerin. Nach 2:21 komme ich als 4. Frau ins Ziel im Campo Giuseppe…

Ab in den Schatten und nach improvisiertem Duschen die Kohlehydratspeicher wieder auffüllen mit Reis, Gemüse und Kuchen. Den restlichen Tag haben wir zur freien Verfügung, viel Zeit also mit Zeltnachbarn und Leidensgenossen zu plaudern, e-mails von zu Hause zu lesen, Fotos zu machen, die Füße zu pflegen und einfach nur auszuruhen.

Nach dem Abendessen lassen wir uns von einer einheimischen Tanzgruppe unterhalten und genießen die einmalige Atmosphäre hier mitten in der Sahara. Das große Lagerfeuer und die Schlangenbeschwörer machen das Wüstenabenteuer perfekt.

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Tag 4

Heute stehen 2 Etappen auf dem Programm, also Kräfte einteilen. Nach dem üblichen Prozedere mit Tasche packen und Laufrucksack präparieren machen wir uns schon früh um 9 Uhr auf den wohl leichtesten Abschnitt des Rennens: 19,5 km bei ca. 35 Grad, aber ohne größere Steigungen.

Für mich ist es trotzdem sehr anstrengend, da ich versuche mich im Klassement nicht zu verschlechtern. Zum Glück läuft Tiziano mit mir und bringt mich dazu, Miriana, die die erste Etappe gewonnen hat, kurz vor dem Ziel noch zu überholen, so dass ich als 3. Frau in 1:43 einlaufe. Ich bin total kaputt aber sehr zufrieden. Danke, Tiz!

Bin überrascht, wie schnell man sich regenerieren kann. Der Nachtlauf steht an, und ich bin wie alle wieder hoch motiviert. Zwar sind es nur 7 km, aber es gibt schon längere sandige Abschnitte, die im Dunkeln schlecht zu erkennen sind. Und meinen Platz in der Gesamtwertung will ich ja auch nicht verlieren.

Habe einen super Laufpartner „ergattert“: Stefano, besser Steve, hat eine sensationelle Stirnlampe und ich versuche so lange ich kann mit ihm mitzuhalten. Dann passiert der Anfänger-Fehler: Schuh geht auf. Shit!

Steve mit Lampe ist weg und ich mit meiner kleinen Funzel habe trotz Vollmond große Schwierigkeiten den rechten Weg zu erkennen. Aber auch das klappt dann irgendwie und ich laufe mit gut 35min durch die Zielfahnen. Mehr ging nicht. Bin ausgepowert und zufrieden. Und gleichzeitig fällt mir wieder ein: Morgen ist Marathon…

Ob ich mich da überhaupt wieder bewegen kann? Ok, also, MP3 Player laden, Kohlehydratespeicher auffüllen, Blasen versorgen, und hoffen, dass man bei der vielen Futterei nicht schwerer heim kommt als man her gefahren ist. An mehr als 2-3 Stunden Schlaf ist wegen der Aufregung nicht zu denken. Aber das reicht immer irgendwie und man hat sich daran gewöhnt.

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Tag 5

Marathon-Tag. Ich starte in der 2.Gruppe. Perfekt. Habe einige Läufer um mich, die etwa gleich schnell sind . Erst ab km 15 kommt das „Ich-laufe-alleine-durch-die-Wüste-feeling“ auf. Aber genau das ist es ja, was man hier haben will! Geil! Einfach immer gerade aus. Ganz alleine mit der Musik und den eigenen Gedanken.

Regnet es jetzt etwa? Tatsächlich. Ein paar Minuten lang nieselt es, super erfrischend. Etwa 10km vor dem Ziel überholt mich Jörg, der Führende in der Gesamtwertung. Er ist super schnell unterwegs und es dauert noch ganz schön lange, bis seine Verfolger an mir vorbei kommen. Wenn morgen in den Dünen nichts passiert, wird er das Rennen überlegen gewinnen. Ich bin irgendwie stolz, dass ein Deutscher vorne liegt…

Die Schmerzen in meinen Füßen halten sich in Grenzen und ich bleibe locker unter der angestrebten Zeit. Bin mit 4:18 zufrieden und staune über Chiara, die uns alle ganz schön abgehängt hat. Noch bin ich auf Platz 3 bei den Frauen, aber diese Italienerin sitzt mir jetzt im Nacken. Eigentlich will ich in den Dünen doch langsam und gemütlich laufen, aber dann ist mein Platz auf dem Podium futsch.

Mal sehen, wie ich mich morgen fühle. Das ist das bisher schönste Lager. Die Zelte sind mitten in den Dünen aufgebaut. Da macht es dann nichts, dass die „Duschen“ eiskalt sind und wir bis zum Einbruch der Dunkelheit auf den Materialwagen mit den Matten für die Zelte warten müssen.

Es ist deutlich kälter geworden und ich bin froh über die Regenjacke, die der Veranstalter an alle Teilnehmer verteilt hatte. Hoffentlich gibt es keinen Sandsturm.

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Tag 6

Wie durch ein Wunder sind die Zelte nicht weg geflogen heute Nacht, aber an Schlaf war wieder nicht zu denken. Es hat ziemlich gestürmt und sogar richtig geregnet. Alles ist klamm und kalt. Erst jetzt, nach Sonnenaufgang beruhigt sich das Wetter etwas und wir trauen uns aus dem Zelt.

Das übliche Ritual steht an: Frühstücken, „Toilette“, Packen, Trinkrucksack richten und hoffen, dass man mit den geschundenen Füßen überhaupt in die Schuhe kommt. Aber es geht immer irgendwie und alle sind wieder am Start.

Ich werde versuchen so schnell zu laufen wie ich kann, um meinen Platz auf dem Podium zu verteidigen. Wer weiß, wann ich jemals wieder so eine Chance bekomme. Also Augen zu und durch! Alle Läufer starten wieder gemeinsam auf diese letzte Etappe.

Die Stimmung ist super und ich versuche meine Schmerzen zu ignorieren, einfach mitlaufen, so lang es geht. Es wird immer windiger und in den Dünen bekommen wir dann ein Wind-Sand-Regen Gemisch von schräg vorne ins Gesicht. Mit viel Mühe können wir die Fahnen erkennen, die uns durch diesen Teil der Wüste zur Oase lotsen.

Aber wir wollen es ja richtig schwer und extrem. Bei einem lauen Lüftchen kann ja jeder laufen. Wichtiger ist, Chiara nicht aus den Augen zu verlieren. Sharon und Mariana verteidigen souverän ihre Plätze und auch ich laufe mit dem letzten Rest Energie auf den 2. Platz an diesem Tag und damit aufs Podium.

Ich bin sehr froh, dass ich noch vor dem dann einsetzenden Hagel die Oase erreicht habe. Armer Gustavo, ihn erwischt es mitten in den Dünen. Doch irgendwann sind alle da und versammeln sich so nach und nach in der Bar. Ein kühles Bierchen haben wir uns jetzt verdient. Nach Abendessen und Siegerehrung fallen wir erschöpft aber stolz in die Betten.

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Tag 7

Frühstücken, Packen und mit Geländewagen geht es zurück nach Djerba. Beim Zwischenstopp in Medenine haben wir auch wieder Kontakt zur Heimat und ich freue mich über viele Glückwunsch-sms. Die Zivilisation hat uns wieder.

Abends im Hotel feiern wir bei tunesischem Gala-Dinner, tauschen Adressen aus und dürfen schon mal einen Blick in das offizielle Video werfen, das Carlo während der gesamten Reise gedreht hat. In der Disko werden die ersten Fotos gezeigt und es schaffen sogar einige trotz müder Beine und Blasen an den Füßen das Tanzbein zu schwingen. Respekt!

Ich bin froh, dass ich einigermaßen Gehen kann… Nach und nach humpeln alle in die Betten. Leider ist das Abenteuer Wüste bald zu Ende.

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Tag 8

Ganz gemütlich geht es am späten Vormittag zum Flughafen. So langsam heißt es Abschied nehmen. Aber wir kommen ja fast alle wieder nächstes Jahr! Und dann sind wir noch besser vorbereitet und noch schneller und haben noch weniger Blasen an den Füßen. Ganz bestimmt.